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Junge polnische Kunst ist international im Kommen

03.04.04 (Allgemein, Kultur Polen)

Polens junge Kunst ist international im Kommen. Zwar genießen Künstler wie die Bildhauerin Magdalena Abakanowicz schon seit langem in der internationalen Kunstszene eine große Wertschätzung, doch der ganz große Durchbruch blieb der zeitgenössischen Kunst made in Poland lange versagt. Doch jetzt gelten Ausstellungen mit Künstlern wie Pawel Altheimer, Marcin Maciejowski oder Monika Sosnowska plötzlich als angesagt. Die Preise für ihre Arbeiten steigen und seit die renommierte Kunstzeitschrift Art ihnen kürzlich eine Titelgeschichte widmete, ziehen auch die Feuilletons der Tagespresse nach.

Wojciech Krukowski, der Direktor des Zentrums für zeitgenössischen Kunst im Warschauer Ujazdowski-Schloss, erklärt die Veränderungen mit einem Generationswechsel: Die heutigen Absolventen der Kunstakademien haben keine praktische Erfahrung mehr mit dem sozialistischen System und seiner Zensur, sie sind in einem Land mit offenen Grenzen aufgewachsen. Anders als ihre Vorgänger bestimmt nicht mehr die geistige Auseinandersetzung mit dem System und seinen Beschränkungen ihre Arbeit.
Wo Partei und Staat als Zensor wegfallen, vollzieht sich die Auseinandersetzung heute umso mehr mit gesellschaftlichen Gruppen und ihren Normen und Wertvorstellungen. Und das ist für die Künstler nicht immer einfach: Im katholisch geprägten Polen sind gerade Arbeiten, die sich mit der Rolle des Körpers, mit der Sexualität oder dem Verhältnis der Geschlechter beschäftigen, immer wieder Steine des Anstoßes. Die ständige Ausstellung im Ujazdowski-Schloss zeigt eine Reihe von Arbeiten, gegen die von klerikalen Gruppen und nationalistischen Kreisen heftig zu Felde gezogen wurde: Bilder, Fotos oder Videos, in denen die Darstellung der Nacktheit provoziert oder in denen nationale und religiöse Symbole karikiert werden.

An der Förderung zeitgenössischer Kunst hat das am Rande des berühmten Lazinkiparks gelegene Kunstschloss einen entscheidenden Anteil. Das Zentrum für zeitgenössischen Kunst ist unmittelbar mit der neueren Geschichte Polens verknüpft. 1986 gegründet, startete es erst im ersten Jahr des postsozialistischen Polens seine Ausstellungen. Die im 17. Jahrhundert erbaute ehemalige königliche Sommerresidenz wurde im Zweiten Weltkrieg zu etwa 40 Prozent zerstört, die Reste wurden 1954 abgerissen. Rund 20 Jahre später entschied man sich für den Wiederaufbau. Die ersten Ausstellungen fanden in halbfertigen Räumen statt, inzwischen wird der größte Teil des Schlosses als Kulturzentrum genutzt.

Für zeitgenössische Kunst in Polen spielt das Ujazdowski-Schloss eine wichtige Rolle. In der Hauptstadt Warschau ist es neben der Zacheta-Galerie im Stadtzentrum die einzige größere Institution, die sich der modernen Kunst widmet. Direktor Krukowski setzt vor allem auf eine interdisziplinäre Ausrichtung des Zentrums. Malerei und bildende Kunst finden hier ebenso ihren Platz wie Multimediaprojekte, zeitgenössische Musik, Fotografie und Film. Etwa zu gleichen Teilen widmet man sich dabei der polnischen wie der internationalen Kunst. So waren in den vergangenen Wochen Ausstellungen des baskischen Bildhauers Eduardo Chillida und des ukrainischen Fotografen Borys Michailow zu sehen, zurzeit werden unter anderem Arbeiten der Schweizer Videokünstlerin Pippilotti Rist gezeigt.

Etwa 50 Ausstellungen im Jahr und rund 300 andere Veranstaltungen sowie zahlreiche künstlerische Werkstätten unterstreichen die Bedeutung des Hauses. Von den rund 160.000 Besuchern im Jahr seien zwei Drittel unter 40 Jahren, meint der Direktor. Um jungen Computer- und Videokünstlern Raum zu geben, hat man in einem Nebengebäude den Ausstellungsraum „laboratory” geschaffen. Und für die „ganz junge Kunst”, so der Direktor, entstand vor kurzem ein kleiner Ausstellungsraum im Keller des Schlosses.

Warschau sieht Wojciech Krukowski als wichtigstes Zentrum für zeitgenössische Kunst in Polen. Zwar sei die Zahl der privaten Galerien hier noch relativ klein, aber im Wachsen begriffen. Warschau sei eine dynamische und sehr junge Stadt, die wie ein Magnet auf Künstler wirke. Die Stadt, deren Bevölkerung nach dem Krieg völlig neu zusammengesetzt wurde, sei langsam dabei, ein neues Gesicht zu formen. Neue Netzwerke von Künstlern würden geknüpft.

Besonders der Stadtteil Praga am östlichen Ufer der Weichsel ist für die Entwicklung der Kunstszene ein fruchtbarer Nährboden. Praga war im Krieg wenig zerstört und ist mit seinen Mietskasernen aus dem vergangenen Jahrhundert noch der identischste Teil von Warschau. Zugleich ist das Viertel einem starken Verfall Preis gegeben. In den vergangenen Jahren haben sich junge Künstler hinter den bröckelnden Fassaden ihre Arbeits- und Ausstellungsräume geschaffen, es gibt dort Galerien, Modeateliers und kleine Theater, die inzwischen auch gemeinsam nach außen auftreten und damit zur Revitalisierung des östlichen Stadtviertels beitragen.

Zugleich scheint einigen Künstlern der Sprung aus den Nischen auf das internationale Parkett zu gelingen. Die 31-jährige Monika Sosnowska etwa gewann auf der jüngsten Art Basel für ihren kafkaesken Korridor den begehrten Preis für junge Kunst. Für Arbeiten des 32-Tarnower Künstlers Wilhelm Sasnal, der im vergangenen Jahr seine erste Einzelausstellung in New York hatte, werden inzwischen Preise von 20.000 Euro gezahlt. Adam Szymczyk, ehemals einer der Mitbegründer der bekanntesten Warschauer Galerie für junge Kunst, der Foksal Gallery Foundation, schaffte es zum Direktor der Baseler Kunsthalle, Adam Budak, einst Mitarbeiter im renommierten Krakauer Bunkier Szcztuki, ist seit kurzem Kurator im neuen Kunsthaus Graz.

Der EU-Beitritt Polens, mag zusätzliches Interesse von Kunstliebhabern für die bisher weitgehend unbekannte Szene wecken. Die Ausstellungsmacher pflegten auch bisher bereits einen sehr intensiven Austausch mit Deutschland und anderen europäischen Ländern. Nicht zu unterschätzen sind für Ujazdowski-Direktor Krukowski allerdings die praktischen Folgen des 1. Mai 2004. Bislang war der Austausch von Kunstwerken mit oft Stunden langen Wartezeiten an der Grenze verbunden. Wenn die Zollgrenzen fallen, wird es künftig sehr viel einfacher, zum Beispiel Ausstellungen aus Berlin in Warschau zu zeigen und umgekehrt.

Infos:
Das Kunstzentrum im Schloss Ujazdowski befindet sich in der Al. Ujazdowskie 6 in Warschau. Geöffnet Di-So 11-17 Uhr, Fr. 11-21 Uhr, Ticktes 10 Zloty, ca 2 Euro. Sehr empfehlenswert ist die sehr kreative Küche des Restaurants Kuchnia artystyczna, geöffnet tg. 12 bis 24 Uhr. Außerdem gibt es im Schloss ein kleines Café der Künstlerin Anna Baumgart. Im Kunstzentrum werden vom 26. April bis 13. Juni Videoarbeiten von Pipilotti Rist gezeigt. Infos: http://www.csw.art.pl/

Auf den Verkauf junger polnischer Gegenwartskunst haben sich zwei Warschauer Galerien spezialisiert: die Galerie Raster befindet sich in einer Wohnung in der ul. Hoza 42 (geöffnet di-sa 15-20 Uhr), http://www.raster.art.pl/, die Foksal Gallery Foundation befindet sich in der ul. Gorskiego 1a (geöffnet di-fr 12-17 Uhr), http://www.fgf.com.pl

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